Einheit Etwas Dichtes ist, Vereintes, am Grunde Ruhendes,
das seine Zahl wiederholt, sein identisches Zeichen.
Wie doch gewahrt man, daß die Steine die Zeit
berührten,
in ihrer feinen Materie, aus Salz und Traum,
in der Ruch nach Zeit und das Wasser, herbeigetragen vom
Meer.
Mich umgibt ein und dieselbe Sache, ein einzige Bewegung:
des Erzgesteins Schwere, das Licht der Haut,
sie heften sich an den Klang des Wortes Nacht:
des Weizens Farbe, des Elfenbeins, der Tränen,
der Dinge aus Leder, aus Holz, aus Wolle,
gealtert, verblichen, einförmig,
vereinen sich rings um mich zu Wänden.
Über mir selber kreisend wie über dem Tod der Rabe,
der Trauervogel, arbeite ich fühllos.
Ich sinne, abgesondert an den Rändern des Zeitenlaufs,
in der Mitte, umringt von schweigender Geographie:
eine mäßige Wärme sinkt vom Himmel,
ein äußerster Machtbereich verworrener Einheiten
mich umzingelnd, sammelt sich.
# aus: Aufenthalt I (1925-31) #
Langsame Klage
In der Nacht des Herzens
der Tropfen deines langsamen Namens
kreist in Schweigen und fällt
und zerbirst und entfaltet sein Wasser.
Etwas will sein leichter Schaden
und seine Schätzung unendlich und klein
wie eines verlorenen Wesens
plötzlich gehörter Schritt.
Auf einmal, auf einmal vernommen
und im Herzen verteilt
mit traurigem Beharren und Vermehren
wie ein kalter Herbsttraum.
Das dichte Rad der Erde,
seine Felge von Vergessenheit feucht,
dreht sich und spaltet die Zeit
in unerreichbare Hälften.
Ihre harten Schalen bedecken deine
auf die kalte Erde verschüttete Seele
mit ihren armseligen blauen Funken,
die in der Stimme des Regens schwirren.
# aus: Aufenthalt I (1925-31) #
Düsteres System
Von allen diesen Tagen, schwarz wie alte Eisenbrocken
und aufgerissen von der Sonne wie mächtig rote Büffel
und kaum gehalten von der Luft und von den Träumen
und unwiederbringlich und jäh vergangen,
nichts hat meinen zerrütteten Ursprung ersetzt,
und die ungleichen Maße, die in meinem Herzen kreisen,
dort setzen sie bei Tag und Nacht sich einsam fest
und erfassen traurige verworrene Größen.
So denn, wie ein fühllos und blind gewordener Wachtturm,
ohne Glauben und zu schmerzlichem Spähen verdammt,
angesichts der Wand, der sich jeder Zeitentag verbindet,
neigen meine verschiedenen Gesichter sich einander zu und
verflechten sich,
großen bleichen schweren Blumen gleich,
die unentwegt stellvertretend und tot.
# aus: Aufenthalt I (1925-31) #
Andonische Angela
Heute hab ich mich zu einem unschuldigen Mädchen gelegt
wie ans Ufer eines weißen Ozeans,
wie in die Mitte eines glühenden Sterns
von ruhevoller Bahn.
Aus ihrem Blick, unendlich grünen,
wie trockenes Gewässer fiel das Licht
in transparenten tiefen Kreisen
frischer Kraft.
Ihre Brüste wie ein Feuer zweier Flammen
glühten in zwei Regionen aufgerichtet,
und in einem Doppelstrom gelangte es an ihre Füße
groß und hell.
Ein goldnes Klima ließ frühzeitig
ihres Leibes tageshelle Längen reifen,
ihn mit weit verzweigten Früchten füllend
und geheimer Glut.
# aus: Aufenthalt I (1925-31) #
Walking around
Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!
Ich trete in Schneiderstuben, in Kinos
schlaff undurchdringlich wie ein Schwan aus Filz,
der auf einem Wasser von Ursprung und Asche treibt.
Der Geruch der Frisiersalons läßt mich laut schluchzen.
Ich möchte nichts weiter als eine Ruhe von Stein oder Wolle,
ich will keine Errichtungen mehr noch Gärten sehen,
keine Waren, keine Brillen, keine Fahrstühle.
Es geschieht, daß ich überdrüssig meiner Füße,
meiner Nägel bin,
und meines Haars und meines Schattens!
Es geschieht, daß ich müde bin, Mensch zu sein!
Dennoch wäre es köstlich,
einen Notar mit einer ausgerauften Lilie zu erschrecken
oder eine Nonne mit einer Ohrfeige umzubringen.
Es wäre wunderbar,
mit einem grünen Messer durch die Straßen zu laufen
und zu brüllen, bis man tot umfällt vor Kälte.
Ich mag nicht mehr Wurzel sein in der Finsternis,
schwankend, ausgestreckt, zitternd vor Schläfrigkeit,
abwärts immer, ins nasse Lehmwerk der Erde,
saugend und sinnend, essend Tag für Tag.
Ich mag so viel Unheil nicht für mich.
Mag nicht länger Wurzel sein und Grab,
verlassener Schacht, Kellergewölb mit Toten,
kältestarr, sterbend vor Leid.
Darum flammt der Montag wie Erdöl auf,
wenn er mich kommen sieht mit meinem Kerkergesicht,
und er heult in seinem Verlauf wie ein wundes Rad
und macht Schritte von heißem Blut der Nacht entgegen.
Und er treibt mich in manche Winkel, in manche feuchte
Häuser,
in Spitäler, wo die Knochen durch die Fenster rauskommen,
in manche Schusterstube, die nach Essig riecht,
in Straßen, erschreckend wie Erdrisse.
Es gibt Vögel, schwefelfarbig, und gräßliches Gedärm,
das an den Türpfosten der Häuser hängt, die ich hasse.
Es gibt Gebisse, in einer Kaffeekanne vergessen,
es gibt Spiegel,
die hätten weinen müssen vor Scham und Entsetzen,
Schirme gibt es allerorts und Gift und Nabelschnüre.
Ich schlendre umher mit Gelassenheit, mit Augen,
mit Schuhen,
mit Wut, mit Vergessen,
ich geh vorüber, quere Amtsstuben und orthopädische Läden,
und Höfe, wo an einem Draht die Wäsche hängt:
Unterhosen, Handtücher und Hemden, die langsame
schmutzige Tränen weinen.
# aus: Aufenthalt II (1931-35) #
Die Uhr, die im Meer versank
Hier ist so viel düsteres Licht im Raum,
und so viele plötzlich gelbe Erstreckungen,
weil kein Wind hinabsinkt,
keine Blätter atmen.
Ein im Meer gefangener Sonntag ist das,
ein Tag wie ein gesunkenes Schiff,
ein Tropfen Zeit, angefallen von Schuppen,
die grausam mit durchscheinender Nässe bedeckt sind.
Hier sind Monate ernstlich angehäuft in einem Gewand,
das, mit geschlossenen Augen weinend, wir zu riechen begehren,
und Jahre sind in einem einzigen blinden Zeichen
des lagernden grünen Wassers:
hier ist die Zeit, die weder Finger einfingen noch das Licht,
viel kostbarer als ein zerbrochner Fächer
viel stummer als ein ausgegrabener Fuß,
hier ist die Brautzeit der aufgelösten Tage
in einer traurigen Gruft, von Fischen durchschwommen.
Unermeßlich sinken die Blütenblätter hinab der Zeit
wie flüchtige Schirme, die dem Himmel gleichen,
fast ist es, ringsum anschwellend,
eine nie gesehene Glocke,
eine überflutete Rose, eine Meduse, ein langer
zerbrochener Herzschlag:
aber das ist es nicht, es ist etwas, das unmerklich betastet und sich verbraucht,
eine vage Spur ohne Klang, ohne Vögel,
ein Verhauchen von Düften und Rassen.
Die Uhr, die auf dem Land sich ins Moos gelegt,
und mit ihrer elektrischen Form an eine Hüfte gepocht,
nun geht sie, ausgeleiert und verletzt, unter dem furchtbaren Wasser,
das da wogt, von innersten Strömungen zuckend.
# aus: Aufenthalt II (1931-35) #
Der Ertunkene des Himmels
Gewebter Schmetterling, Gewand,
# aus: Aufenthalt III (1935-45) #
Gesang für Bolívar
Vater unser, der du bist in Erden, im Wasser,
Dein kleiner tapferer Hauptmannsleib
Welche Farbe soll die Rose haben, die wir nahe deiner Seele
Und so umgibt dicht heute ein Kreis von Händen.
Hauptmann, Kämpfer, wo immer eine Stimme
Doch hin zur Hoffnung führt dein Schatten uns:
Befreier, eine Welt des Friedens ward in deinen Waffen
Ich traf Bolívar eines langen Morgens
# aus: Aufenthalt III (1935-45) #
an die Bäume gehängt,
ertrunken im Himmel, hinabgerissen
zwischen Böen und Regen, allein, allein, gedrungen,
Kleidung und Haar in Fetzen
und von Luft zerfreßne Mitten.
Unbeweglich, so widerstehst du
der heiseren Nadel des Winters,
dem Strom luftigen Wassers, das dich irre verfolgt. Himmels-
Schatten, Taubengezweig,
nachts zerbrochen zwischen den toten Blumen:
wenn, gleich einem langsamen kälteerfüllten Klang,
du deine vom Wasser gepeitschte Abendröte verbreitest.
in der Luft
all unserer weiten schweigenden Breite,
alles trägt deinen Namen, Vater in unserm Gebiet:
deinen Namen bringt das Zuckerrohr zur Süße,
Bolívarzinn strahlt wie Bolívar,
Bolívarvogel über Bolívarvulkan,
Kartoffel, Salpeter, besondere Schatten,
Strömungen, Adern phosphorischen Gesteins,
alles, was unser, entstammt deinem erloschenen Leben:
Ströme, Ebenen, Glockentürme waren dein Nachlaß,
unser Erbe ist unser täglich Brot, Vater.
hat ins Unendliche hin seine metallische Form gebreitet:
plötzlich kommen deine Finger aus dem Schnee hervor,
und der südliche Fischer bringt jäh ans Licht
dein Lächeln, deine Stimme pochend in den Netzen.
pflanzen wollen?
Rot soll die Rose sein, die an deinem Schritt gemahnt.
Wie sollen die Hände sein, die an deine Asche rühren?
Rot sollen die Hände sein, in deiner Asche geboren.
Und wie die Saat deines toten Herzens?
Rot die Saat deines lebendigen Herzens.
Neben meiner Hand ist eine andere, und eine andere
daneben,
und immer mehr andere, hinunter in die Tiefen
des dunklen Kontinents.
Und eine andere dir unbekannte Hand
streckt sich aus, Bolívar, der deinen entgegen.
Von Teruel, aus Madrid, vom Jarama, vom Ebro,
aus den Zuchthäusern, aus der Luft, aus dem Tod Spaniens
kommt diese rote Hand, die ein Kind ist der deinen.
Freiheit ruft, wo immer ein Ohr lauscht,
wo immer ein roter Soldat ein braune Stirn zerschmettert,
wo immer Lorbeer der Freien grüntm wo immer ein neues
Banner sich mit dem Blut unsrer ruhmreichen Dämmerung
schmückt,
Bolívar, Hauptmann - dort kann man ein Antlitz erraten,
in Pulver und Rauch wird dein Schwert wiedergeboren,
wieder ist dein Banner mit Blut bestickt.
Schurken fallen über deine Saat her von neuem:
An ein anderes Kreuz wirdder Sohn des Menschen
geschlagen.
Der Lorbeer und das Licht deines roten Heeres
sieht durch die Nacht Amerikas mit deinem Blick.
Deine Augen, die wachsam sind über den Meeren,
über den unterdrückten und verletzten Nationen,
über den dunklen Städten in Flammen,
deine Stimme, deine Hand sind wiedergeboren:
Dein Heer verteidigt die heiligen Banner:
Und das schreckliche Geräusch des Schmerzes zieht voran
der Dämmerung vom Blut des Menschen gerötet.
geboren,
Frieden, Brot, Korn sprossen aus deinem Blut:
Aus unserem jungen Blut, stammend aus deinem Blut,
wird Frieden, Brot, Korn kommen für die Welt, die wir
bauen werden.
in Madrid im Stab des Fünften Regiments.
»Vater«, sprach ich zu ihm, »bist dus oder bist dus nicht
oder wer bist du überhaupt?«
Und hinüberschauend nach Cuartel de la Montaña sagte er:
»Ich erwache alle hundert Jahre, wenn das Volk erwacht.«