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Extravaganzenbrevier
Estravagario (1958)

Repertoire

Ich werde dir suchen, den du lieben kannst
solange du noch Kind bist,
danach ist es an dir, deine Lade zu öffnen
und deine Leiden zu verzehren.

Ich habe eingesperrte Königinnen,
als Bienen in meinem Reich,
und du wirst eine um die andere sehen,
wie sie sich den Honig abkämmen
um sich mit Äpfeln zu kleiden
um auf die Kirschbäume zu klettern
um im Rauch zu zucken.

Ich hüte dir diese wilden Bräute,
die den Frühling weben werden
und die kein Weinen kennen.

In der Uhr des Glockenturms
verbirg dich, während die
von Amarant Entflammten vorüberziehen,
die letzten Kinder des Schnees,
die Verlorenen, die Siegreichen,
die von Gelb Gekrönten,
die unendlich Dunklen,
und einige, geruhsam zart,
tanzen ihren durchscheinenden Reigen,
während andre glühend vorübertreiben,
gleich flüchtigen Meteoren.

Sag mir, was für eine willst du noch zur Stunde,
später wird es zu spät sein.

Heute glaubst du alles, was ich erzähle.

Morgen wirst du das Licht verneinen.

Ich bin es, der Träume erzeugt
und in meinem Haus aus Feder und Stein
mit einem Messer und einer Uhr
durchschneide ich Wolken und Wellen,
und mit diesen Elementen allen
ordne ich meine Kalligraphie
und laß ziellose Wesen erwachsen,
die noch nicht geboren werden konnten.

Was ich will, ist, daß sie dich lieben
und du den Tod nicht kennen sollst.

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Schlußpunkt

Es gibt keinen größeren Raum als den Schmerz,
gibt kein anderes Universum als das, das blutet.

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Jungfernzeugung

Alle die mir Ratschläge gaben,
werden täglich verrückter.
Zum Glück kümmerte ich mich nicht um sie
und sie zogen in eine andere Stadt,
wo sie alle zusammen leben
und untereinander die Hüte vertauschen.

Sie waren ehrenwerte Leute,
gründlich im Gesetz,
und jeder Fehler, den ich machte,
bereitete ihnen solches Leiden,
daß sie weiße Haare und Runzeln bekamen,
aufhörten, Kastanien zu essen,
und eine herbstliche Melancholie
machte sie schließlich zu Besessenen.

Jetzt weiß ich nicht, was ich bin,
ob vergeßlich oder respektvoll,
ob ich mich weiterhin beraten lassen soll,
oder ihnen ihre Tollheit vorwerfen:
ich bin als Einzelgänger nichts nütze,
ich verliere mich zwischen soviel Laubwerk,
und ich weiß nicht, ob ich hinausgehn soll oder hinein,
ob wandern oder verweilen,
ob Katzen kaufen oder Tomaten.

Ich will mich bemühen zu verstehen,
was ich nicht tun darf und was tun,
und somit die Wegziele
rechtfertigen können, die mir verlorengehen,
denn wenn ich mich nicht irre,
wer wird an meine Irrtümer glauben?
Wenn ich fortfahre weise zu sein,
wird niemand mit mir rechnen.

Doch ich werde mich bemühen, mich zu ändern:
ich werde tadellos grüßen,
werde so tun, als geschäh´s
voller Zuneigung und Begeisterung,
bis alles so ist, wie sie es wollen,
daß einer sei und einer nicht sei,
bis man nichts ist als die andern.

Und dann, wenn sie mich in Frieden lassen,
werde ich die Person wechseln,
werde ich verschieden sein an Haut,
und wenn ich nun einen anderen Mund habe,
andre Schuhe, andre Augen,
wenn ich schon ein anderer bin
und niemand mich erkennen kann,
werde ich weiterhin dasselbe tun
denn anderes weiß ich nicht zu tun.

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Fragt mich nicht

Mir ist das Herz schwer
von so vielen Dingen, die ich kenne,
es ist, als trüge ich riesenhafte
Steine da in einem Sack
oder der Regen wäre herabgestürzt
unaufhörlich in mein Gedächtnis.

Man soll mich nicht danach fragen.
Ich weiß nicht, wovon man spricht.

Ich wußte nicht, was geschehen war.
Auch die anderen wußten nicht
und so von Nebel zu Nebel schritt ich,
in der Meinung, daß nichts geschah,
auf der Suche nach Früchten in den Straßen,
nach Gedanken auf den Wiesen
und das Ergebnis ist folgendes:
daß alle recht hatten
und ich unterdes schlief.
Daher fügen sie meiner Brust
nicht Steine allein, auch Schatten hinzu,
nicht Schatten allein, auch Blut.

So stehen die Dinge, mein Lieber,
und so auch sind sie wiederum nicht,
denn, trotz allem, ich lebe
und meine Gesundheit ist ausgezeichnet,
mir wachsen Seele und Nägel,
ich gehe in die Friseursalons.
Ich gehe und komme von den Grenzen,
fordere Stellungnahme und beziehe Stellung,
wenn man aber mehr wissen will,
so geraten meine Wegweiser durcheinander,
und hört man neben meinem Haus
die Traurigkeit bellen, so ist es Lüge:
die lichte Zeit ist die Liebe,
die verlorene Zeit das Klagen.

So also nach alldem, was ich erinnere,
und nach alldem, was ich nicht im Gedächtnis hab,
nach alldem, was ich weiß und was ich wußte,
nach alldem, was ich auf dem Wege verlor
unter so vielen verlorenen Dingen,
nach den Toten, die mich nicht hörten
und die vielleicht mich sehen wollten,
frage man mich besser nicht:
sie sollen hier, auf meiner Weste, fühlen,
und sie werden erkennen, wie mir ein Sack
voll dunkler Steine pocht.

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Liebe

Dich so viele Tage, ach so viele Tage
so sicher und so nah zu sehn,
wie vergelte ich's, womit bezahle ich's?

Der blutdürstende Frühling
der Wälder erwachte,
die Füchse kommen aus ihren Höhlen hervor,
die Schlangen trinken Tau,
und ich gehe mit dir durchs Laubwerk,
zwischen Pinien und Schweigen,
und ich frage mich, wie und wann
ich zahlen muß für dieses Glück.

Von allem, was ich sah,
dich will ich weiterhin sehn,
von allem, was ich berührte,
nur deine Haut will ich weiter berühren:
ich liebe dein Orangenlachen,
du gefällst mir im Schlaf.

Was soll ich machen, Liebe, Geliebte,
ich weiß nicht, wie die übrigen lieben,
ich weiß nicht, wie man sich früher liebte,
ich lebe, indem ich dich sehe, dich liebe,
ganz einfach verliebt.
Du gefällst mir jeden Abend mehr.

Wo magst du sein? werde ich fragen,
wenn deine Augen verschwinden.
Wie lange säumt sie! denk ich und kränke mich.
Ich fühle mich armselig, traurig und dumm,
und kommst du, bist du ein Windstoß,
der her von den Pfirsichen weht.

Darum liebe ich dich und auch nicht darum,
wegen so vieler Dinge und so weniger,
und so soll die Liebe sein
halb abgeschlossen und allgemein,
eigen und schrecklich,
mit fliegendem Banner und in Trauer,
blühend wie die Sterne
und maßlos wie ein Kuß.

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