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Das Meer und die Glocken
El mar y las campanas (1973, posthum)

Tag für Tag Mathilde

Heute zu dir: lang gewachsen bist du
wie der Leib von Chile, und zart
wie eine Blüte des Anisbaums,
und an jedem Zweig wahrst du ein Zeugnis
unserer unauslöschlichen Frühlinge:
Welcher Tag ist heute? Dein Tag.
Und morgen ist gestern, kein Tag aus deinen Händen
hat einen andern abgelöst, keiner ist vergangen:
du bewahrst die Sonne, die Erde, die Veilchen
in deinem kleinen Schatten, wenn du schläfst.
Und so schenkst du mir
jeden Morgen das Leben.

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Wissen will ich...

Wissen will ich, ob Sie mit mir so weit kommen,
daß wir nicht miteinander gehn, nicht miteinander reden;
wissen will ich, ob wir´s erreichen,
nicht mehr mitteilsam zu sein: daß wir nur noch
hinausgehn mit irgendwem, um die reine Luft zu schauen,
das gestreifte Licht des täglichen Meeres
oder ein Ding auf dem Land,
ohne etwas austauschen zu müssen,
ohne Waren ins Spiel zu bringen,
wie es die ersten Siedler taten,
die Plunder boten für Stille.
Ich zahle dir hier dein Schweigen.
Einverstanden: Ich geb dir das meine,
unter einer Bedingung: daß wir uns nicht verstehen.

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Verzeiht, wenn durch meine Augen...

Verzeiht, wenn durch meine Augen
nicht mehr Helligkeit drang als Meeresgischt,
Verzeiht, denn mein Raum
dehnt sich ungeschützt aus
und nimmt kein Ende:
Eintönig ist mein Lied,
mein Wort ist ein düsterer Vogel,
Fauna von Fels und Meer, die Trostlosigkeit
eines winterlichen, unverderblichen Planeten.
Verzeiht die endlose Folge von Wasser,
Klippe und Gischt, das launische Hin und Her
von Ebbe und Flut: so ist meine Einsamkeit:
Jähen Schwalls schmettert Salz gegen die Mauern
meines geheimen Seins, so daß ich
selbst ein Teil
des Winters bin,
der Weite, die sich wiederholt
von Glocken- zu Glockenklang im Wogengang,
Teil eines Schweigens, mähnenschwer,
ein Algenschweigen, versunkenes Lied.

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Ausgewählte Mängel
Defectos escogidos (1974, posthum)

Der große Pinkler

Der große Pinkler war gelb,
und der Strahl, der herunterkam,
war ein bronzefarbener Regen,
prasselnd auf die Kuppeln der Kirchen,
auf die Dächer der Automobile,
auf die Fabriken und die Friedhöfe,
auf die Menge und ihre Grünanlagen.

Wer war er? Wo steckte er?

Etwas Dichtes war´s, eine zähe Flüssigkeit,
was da runterkam
wie von einem Roß<
und erschrockene Passanten
ohne Regenschirm
blickten suchend zum Himmel auf,
während die Paradestraßen überflutet wurden
und unter den Türen
der unablässige Harnstrom hereinquoll,
der die Kanalschächte füllte,
Marmorböden versaute und Teppiche,
Treppen.

Nichts war zu erkennen. Wo
lauerte die Gefahr?

Was war los mit der Welt?

Der große Pinker in der Höhe
schwieg und pinkelte.

Was soll das bedeuten?

Ich bin ein schlichter Dichter
und habe nicht den Ehrgeiz, Rätsel zu lösen
oder Spezialschirme zu empfehlen.

Tschüs! Bis bald! Ich winke und verziehe mich
in ein Land, wo man mir keine Fragen stellt.

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