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Elementare Oden
Odas elementales (1954)

Ode an die Luft

Auf einem
Wege wandernd,
traf ich die Luft,
ich grüßte sie und sprach zu ihr
voll Ehrerbietung:
"Ich freue mich,
daß du einmal
abgelegt hast deine Transparenz,
so können wir miteinander sprechen."
Die Unermüdliche
tanzte, bewegte das Blattwerk,
schüttelte mit ihrem Lachen
von meinen Sohlen den Staub,
und indem sie ihr ganzes
blaues Takelwerk aufspannte,
ihr gläsernes Skelett,
die Augenlide von Zephir,
blieb sie stehen, und, steif
wie ein Mast, hörte sie mich an.
Ich küßte ihren himmlischen
Herrschermantel,
hüllte in ihre Fahne
aus himmelblauer Seide mich ein
und sprach zu ihr:
Regentin oder Kamerad,
Faden, Blütenkrone oder Vogel,
ich weiß nicht, wer du bist, aber
um etwas bitt ich dich,
verkaufe dich nicht.
Das Wasser
hat sich verkauft,
und in den Rohren
in der Wüste
sah ich die Tropfen
versiegen
und die Welt der Armen,
das Volk hinwandern mit seinem Durst
wankend über den Sand.
Ich sah das rationierte Licht
der Nacht,
das prächtige Licht im Haus
der Reichen.
Alles ist Morgenröte in den
neuen hängenden Gärten,
alles ist Dunkelheit
in dem schrecklichen Schatten
der engen Gasse.
Von dorther naht
die Rabenmutter Nacht
mit einem Dolch in
den Eulenaugen,
und ein Schrei, ein Verbrechen,
erhebt sich und erlischt,
vom Dunkel verschlungen.

Nein, Luft,
verkaufe dich nicht,
auf daß sie dich nicht kanalisieren,
auf daß sie dich nicht in Leitungen zwängen,
auf daß sie dich nicht in Kisten packen
noch zusammenpressen,
auf daß sie dich nicht zu Tabletten verarbeiten
und in eine Flasche tun,
gib acht!
Ruf mich
zu Hilfe,
wenn du mch brauchst,
ich bin der Dichter: Sohn
armer Leute, Vater, Onkel,
Vetter, leiblicher Bruder
und Schwager
der Armen, aller,
meines Landes und der andern Länder,
der Armen, die am Ufer des Flusses leben,
und derer, die in den Höhen
der steilabfallenden Cordillere
Steine klopfen,
Bretter nageln,
Kleider nähen,
Holz zerkleinern,
Erde zermahlen,
und darum
will ich, daß sie atmen,
du bist das einzige, was sie haben,
darum bist du
transparent,
damit sie sehen,
was bringen wird der morgige Tag,
darum bist du da,
Luft,
laß dich atmen,
laß dich nicht in Fesseln legen,
traue keinem,
der da in einem Auto naht,
um dich zu untersuchen,
laß dich nicht mit ihnen ein,
lach über sie,
reiß ihnen den Hut vom Kopf,
willige nicht
in ihre Vorschläge ein,
laß uns beide
tanzen rings um die Welt,
des Apfelbaums Blüten
herunterreißen,
in die Fenster steigen,
gemeinsam pfeifen,
Melodien
pfeifen
von gestern und morgen,
es wird kommen der Tag,
an dem wir befreien werden
Licht und Wasser
die Erde, den Menschen,
und alles wird dasein
für alle, wie du es bist.
Darum, paß auf,
zu dieser Stunde!
Und komm mit mir,
wir haben noch viel
zu tanzen und zu singen,
gehen wir
den Saum des Meeres entlang,
hinauf in die Bergeshöhen,
laß uns dort
hingehn, wo der neue Frühling
in Blüte steht,
und mit einem Windstoß
und Gesang
laß uns die Blumen verteilen,
den Duft, die Früchte,
die Luft
von morgen.

# Elementare Oden #

Ode an das Atom

Kleinstes
Gestirn,
du schienst
begraben
für alle Zeit
im Metall, dein
Höllenfeuer
geheim.
Eines Tages aber
klopfte man
an deine winzige
Pforte:
Es war der Mensch.
Mit einem
Schlag
entfesselten sie dich,
und du erblicktest die Welt,
flogst durch den Tag,
Städte
durchliefst du,
dein gewaltiges Strahlen begann
das Leben zu erhellen,
du warst
von elektrischer Schönheit
eine schreckliche Frucht,
dir gelang es,
des Sommers Flammenglut
zu steigern, und dann
nahte,
mit Tigerbrille
bewehrt
und Panzerung,
im quadratübersäten Hemd
und mit Schwefelbart,
Stachelschweinschwanz,
der Krieger,
und er verlockte dich:
Schlaf ein,
sagte er,
hüll dich ein,
Atom,
einer griechischen Gottheit
bist du gleich,
einer frühlingshaften
Modistin von Paris,
ruh dich aus,
in meiner Tatze,
geh in dieses Schächtelchen,
und dann
verwahrte er dich
in seiner Weste, der Krieger,
als wärest du bloß
eine nordamerikanische
Pille,
und er reiste um die Welt
und ließ dich niederfallen
auf Hiroshima.

Wir schraken auf.

Vertilgt
war
die Morgenröte.
Alle Vögel,
zu Asche verkohlt, stürzten herab.
Grabgeruch,
Gas
der Grüfte
durchdröhnte die Weltenräume.
Aufrichtete sich, schreckenerregend,
die Gestalt unmenschlicher
Züchtigung,
bluttriefender Pilz, Kuppelgebild,
Wolkenturm,
Schwert
der Hölle.
Brennend auf stieg die Luft,
und in gleichlaufenden Wellen,
die schlummernde Mutter
erreichend
mit ihrem Kind,
den Fischer des Flusses
und die Fische,
die Bäckerei
und die Brote,
den Ingenieur
und seine Bauten,
breitete sich aus der Tod,
alles
ward Staub,
der zerfraß,
und mordende
Luft.

Die Stadt,
ihre letzten Wabenzellen zerbröckelnd,
stürzte, stürzte jählings ein,
niedergefegt
und zermorscht,
die Menschen
waren plötzlich voll Aussatz,
ergriffen
die Hand ihrer Kinder,
und die kleine Hand,
sie blieb in ihren Händen zurück.
Also rissen sie dich
aus deinem Zufluchtsort,
der verschwiegenen
Hölle von Stein,
blindschlächternder Funke du,
rasendes Licht,
um das Leben all zu vernichten,
ferne Lebewesen
unter dem Meer,
in der Luft zu verfolgen,
in den Sandwüsteneien,
im letzten
Winkel der Häfen,
zu vertilgen
die Samen,
die Keime zu morden,
den Blütenwuchs
zu verhindern,
dich bestimmten sie, Atom,
auszulöschen
die Völkerschaften,
die Liebe zu verwandeln in schwarze Pocken,
die versammelten Herzen all zu verbrennen
und zu vernichten des Menschen Blut.

O irrsinniger
Funke,
kehre zurück
in dein Leichentuch
begrab dich
in deine Höllen von Erz,
sei wieder blindes Gestein,
leih nicht dein Ohr den Banditen,
du,
schaffe am Leben mit, an der Agrikultur,
nimm ein den Platz der Motore,
steigere die elektrische Kraft,
mache fruchtbar die Planeten.
Schon birgst du kein
Geheimnis,
wandle
ohne Maske
des Schreckens
unter den Menschen,
beschleunige den Gang,
dehne,
Gebirge
spaltend,
Ströme lenkend,
befruchtend,
das Leben
der Früchte aus;
Atom,
überschäumender
kosmischer
Kelch,
kehre um
zum Frieden der Traube,
in die Beschwingtheit der Traube,
in die Beschwingtheit der Freude,
kehre heim
ins Reich der Natur,
stell dich in unseren Dienst,
und statt der tödlichen Aschen
deiner Kriegsmaskierung,
statt der entfesselten Hölle
deines Zorns,
statt der Bedrohung
deiner schrecklichen Helle, gib in unsere Hände
dein überwältigendes
Aufbegehren
dem Korn zunutze,
deinen entbundenen Magnetismus,
den Frieden zu gründen unter den Menschen,
so wird dein blendendes Licht
nicht Hölle mehr sein,
sondern Beglückung,
morgendliche Hoffnung,
Spende der Erde.

# Elementare Oden #

Ode an den glückhaften Tag

Diesmal
lasst mich
glücklich sein,
keinem ist etwas geschehen,
und ich bin nirgendwo,
einziges Ereignis ist,
dass ich glücklich bin
beim Gehen, beim Schlafen,
beim Schreiben über das ganze
Rund meines Herzens.
Was soll weiter ich tun, ich bin
glücklich,
zahlloser bin ich
als das Gras
auf den Weiden,
ich fühle die eigene Haut wie den runzligen Baum
und unten das Wasser,
hoch oben die Vögel,
um meiner Hüfte das Meer
wie einen Reif,
aus Brot und Stein die Erde geschaffen,
die Luft singt wie eine Gitarre.

Du mir
zuseiten im Sande
bist Meeressand,
du singst und bist Gesang,
die Welt
ist heut meine Seele,
Lied und Sand,
die Welt
ist heute dein Mund,
lasst mich
an deinem Munde und im Sande
glücklich sein,
ja, glücklich sein, weil ich atme
und weil auch du atmest,
glücklich sein, weil ich
dein Knie berühre
und es ist,
als berührte ich
die blaue Haut und Kühle
des Himmels.

Heute lasst
mich
einzig nur
glücklich sein
mit allen oder ohne sie,
glücklich sein
mit dem Gras
und dem Sand,
glücklich sein
mit der Luft und der Erde,
glücklich sein
mit dir, mit deinem Munde
glücklich sein.

# Elementare Oden #

Ode an das Feuer

Lohendes
Feuer,
kraftgeladen,
geschwätzig,
zaudernd und zäh,
Stern du von Gold,
Holzräuber,
schweigsamer Bandolero,
Zwiebelsieder,
der Funken berüchtigter Schurke,
tollwütiger Hund mit Zähnen eine Million,
hör mich an,
Mittelpunkt der menschlichen Hausungen,
Rosenstock unverwüstlich,
Vernichter des Lebens,
himmlischer Vater des Brots und des Herdes,
glorreicher Ahnherr
von Werkzeug und Rad,
Blütenstaub der Metalle,
Gründer des Stahls,
höre mich an,
o Feuer.

Dein Name
glüht,
Feuer zu sagen
ist eine Freude,
ist besser
zu sagen als Stein
oder Mehl.
Worte sind Tote
vor deinem gelben Gestrahl,
in deines blutroten Schweifes Nähe,
vor deinen Mähnen amarantenen Lichts
kalt sind die Worte.
Feuer sagt man,
Feuer, Feuer, Feuer,
und etwas im Munde
entbrennt,
deine Frucht ist es, die brennt,
dein Lorbeer ist es, der flammt.

Aber nicht
Wort nur
bist du,
obzwar jeglich Wort,
so es nicht Glut
in sich birgt,
sich ablöst vom Baume
der Zeit und fällt.
Blumenflor
bist du,
Flug,
Vollendung, Umarmen,
ungreifbare Substanz,
Verheerung und Gewalt,
Verschwiegenheit, stürmische
Schwinge des Todes und Lebens,
Schöpfung und Asche,
blendender Funke,
Klinge augenübersät,
Fülle der Macht,
Herbst und Sommer jäh,
Pulvers harter Donnerschlag,
Zerbersten der Berge,
Strömen des Rauchs,
Dunkelheit, Schweigen.

Wo bist
du, was wurde aus dir?
Einzig der fühllose Staub
erinnert an deine lodernde Glut
und an den Händen
von Brand und Blüte die Spur.
Schließlich find ich dich auch
auf meinem leeren Papier,
und anheischig mache ich mich,
dich zu singen,
Feuer,
nun aber,
mir gegenüber,
bleib ruhig,
indes in den Winkeln
die Leier ich suche
oder das Objektiv,
zu photographieren dich
mit dunklem Blitz.

Endlich
bist du
bei mir,
nicht, um mich zu vernichten,
noch, daß ich dich
zum Pfeifenanzünden benutze,
sondern, um dich anzurühren,
deine Haarflut
zu bändigen, dein
ganzes gefährliches Gespinst,
dich ein wenig zu glätten, dich zu erschüttern,
daß du mit mir
es aufnimmst,
scharlachroter Stier.
So wage es denn,
verbrenne mich
nun,
hinein
in meinem Gesang,
steige
in meinen Adern mir auf,
entweiche
durch meinen Mund.

Nun
weißt du es,
du kannst mit mir
nichts beginnen:
Ich verwandle dich in Gesang,
ich erhöhe dich und beuge dich,
halte dich gefangen in meinen Silben,
ich fessele dich, lehre
dich singen,
in Trillern dich zu verströmen,
als wärest du
ein Kanarienvogel, im Käfig gefangen.

Komm mir
nicht
mit deiner eines Höllenvogels
allzubekannten Tunika.
Hier
bist du verdammt
auf Tod und Leben.
Verstumme ich,
so lischst du aus.
Singe ich,
so verströmest du
und gibst das Licht mir, des ich bedarf.

Unter
meinen Freunden allen,
meinen Feinden
allen
du bist
der schwierige.
Alle
halten dich in ihren Banden,
Dämon des Geldes,
du in Truhen und Dekreten
verborgner Orkan.
Ich nicht.
Ich nehme dich als Gefährte mit
und sage dir:
Zeit ist's,
daß du mir weisest,
wozu du begabt.
Erschließe dich, laß offen flattern
deinen zerzausten
Schopf,
lodre empor und versenge
des Himmels Höhen.

Weise mir
deinen grünen und orangenen
Leib,
hiß
deine Fahnen,
glüh
über der Welt
oder zuseiten mir, licht
wie ein schlichter Topas,
schau mich an und entschlummre.
Klimme die Treppen empor
auf zahllosem Fuß.
Spähe mir nach,
lebe,
um niedergeschrieben zu bleiben,
mit meinen Worten
zu singen,
Flammen sprühend
auf deine Weise.

# Elementare Oden #

Ode an das Meer

Hier auf
der Insel
das Meer,
und wieviel Meer
bricht hervor jeden Augenblick
aus sich selber,
o ja, sagt es, o ja,
o nein, o nein, o nein,
o ja, sagt es, im Blauen,
im Schaum, im Wogenritt,
o nein, sagt es, o nein.
Kann nicht ruhig verharren,
Meer heiße ich, wiederholt es
gegen einen Felsen schlagend,
ohne ihn überzeugen zu können,
dann
mit sieben grünen Zungen,
sieben grünen Haien,
sieben grünen Tigern,
sieben grünen Meeren
umwogt es ihn, küßt ihn,
benetzt ihn
und schlägt,
seinen Namen wiederholend,
sich an die Brust.
O Meer, so nennst du dich,
Gefährte Ozean,
vergeude nicht Wasser und Zeit,
schüttle nicht so viel von dir ab,
hilf uns,
wir sind die winzigen
Fischer,
die Menschen der Küste,
wir leiden Hunger und Kälte,
du bist unser Feind,
triff uns nicht so hart,
brülle nicht dergestalt,
tu auf deinen grünen Schrein
und laß ihn unser
aller Händen
deine silberne Gabe,
den täglichen Fisch.

In jeder Hütte hier
lieben wir ihn,
sei er von Silber auch,
Kristall oder Mond,
für die ärmlichen Küchen
der Erde ward er geboren.
Bewahre ihn,
Geiziger, nicht,
der, ein feuchter Blitz,
unter den Wogen
hinschießt.
Nun, schick dich drein,
tu dich auf
und laß ihn frei
in der Nähe unserer Hände,
hilf uns, Ozean,
grüner, abgrundtiefer Vater,
die Erdenarmut
eines Tags zu enden.
Laß uns
ernten die Pflanzung,
die unendliche, deiner Leben,
deiner Saaten und Trauben,
deiner Stiere, deiner Metalle,
den feuchten Glanz
und die versunkene Frucht.

Vater Ozean,
wir wissen lange schon,
wie du heißt, alle
Möwen verbreiten
deinen Namen an den Gestaden:
Nun, betrage dich gut,
schüttle deine Mähne nicht,
bedrohe keinen Menschen,
zerschmettre am Himmel nicht
dein herrliches Gebiss,
höre auf mit den ruhmvollen Geschichten
für einen Augenblick,
gib jedem von uns Männern,
jedem
Weib und jedem Kind
einen großen oder kleinen Fisch
an jedem Tag.
Fisch auszuteilen,
geh hinaus auf alle Straßen
der Welt,
und dann
rufe laut,
rufe laut,
daß die Armen dich hören,
alle, die ihre Arbeit verrichten
und sagen,
den Kopf aus der Grube
streckend:
"Dort naht,
Fisch verteilend,
das uralte Meer."
Und dann kehren sie nach unten zurück,
lächelnd in der Finsternis,
und in Straßen
und Wäldern
lächeln die Menschen
und die Erde
ein meerhaftes Lächeln.

Aber,
so du es nicht willst,
so du es nicht magst,
warte,
warte auf uns,
wir werden nachdenken,
vornehmlich aber wollen wir
die menschlichen Fragen
lösen,
die wichtigsten zuerst,
die übrigen später,
und dann
werden wir uns mit dir befassen,
werden die Wogen wir mähen
mit Messern aus Feuer,
auf elektrischem Roß
werden wir die Schaumhürden nehmen,
singend,
bis wir den Grund deines Innern
berühren,
werden wir untertauchen,
automares Garn
wird deine Hüfte umhüten,
in deinem abgründigen Garten
werden Gewächse
wir pflanzen
von Stahl und Zement,
werden wir
Hände und Füße dir binden,
auf deiner Haut werden die Menschen,
Blitze schleudern, lustwandeln,
Traubengebilde ernten,
Fischereigeräte errichten,
dich zügeln und auf dir reiten,
deine Seele bezwingend.
Dies aber wird geschehen, wenn
die Menschen
geregelt haben
unser Problem,
das große,
das große Problem.
Alles werden wir ordnen,
nach und nach:
Dich, Meer werden verpflichten wir,
dich, Erde, werden verpflichten wir,
Wunder zu vollbringen,
denn in uns selber,
im Kampf
sind beschlossen Fisch und Brot,
ist das Wunder.

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Neue elementare Oden
Nuevas odas elementales (1956)

Ode an die Gegenwart

Diese
Gegenwart,
glatt,
frisch
wie ein Brett,
diese Stunde,
diesen Tag
rein
wie ein neues Glas
- von der Vergangenheit
nicht ein
Spinnweb blieb -
berühren wir
mit den Fingern
die Gegenwart,
wir schneiden
ihr Maß,
lenken
ihr Knospen,
lebendig ist sie,
voller Leben,
nichts hat sie
vom gestern, dem unabänderlichen,
von verlorener Vergangenheit,
sie ist unser
Geschöpf,
wächst
in diesem
Augenblick, führt
Sand mit sich, ißt
aus unseren Händen,
packe sie,
daß sie nicht entgleite,
daß sie nicht in Träume sich verliere
noch in Worte,
ergreife sie,
unterwirf sie
und befiehl,
bis sie dir gehorcht,
verwandle sie in Weg,
Glocke,
Maschine,
Kuß, Buch
und Liebkosung,
zerteile ihren köstlichen
Holzduft,
und aus ihm
baue dir einen Stuhl,
flechte seine Rückenlehne,
probiere ihn aus,
doch besser noch:
eine Treppe!

Ja,
Treppe,
steige aufwärts
in der Gegenwart,
Stufe
um Stufe,
die Füße
fest
auf das Holz der Gegenwart,
nach oben,
nach oben,
nicht allzu hoch,
soweit nur,
bis du
die Regentraufe
am Dach
reparieren kannst,
nicht allzu hoch,
steig nicht bis zum Himmel,
die Äpfel
erreiche,
die Wolken nicht,
diese
laß
am Himmel ziehn, dem Vergangenen
entgegeneilen.
Du
bist
deine Gegenwart,
dein Apfel;
pflücke ihn
von deinem Baum,
heb ihn
mit deiner Hand
in die Höhe,
er glänzt
wie ein Stern,
berühre ihn,
beiß mit deinen Zähnen hinein und gehe weiter
pfeifend auf dem Wege.

# Neue elementare Oden #


Drittes Buch der Oden
Tercer libro de las odas (1957)

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