Wisset, ihr sollt wissen
Ach, daß wir in der Lüge lebten,
war unser täglich heutiges Brot.
Ihr Herren des einundzwanzigsten
Jahrhunderts, Wissen ist nötig,
wissen, was wir nicht wußten,
sehen müßt ihr das Wider
und das Für, weil wir´s nicht sahen,
und keiner soll mehr sehen,
und keiner soll mehr essen
von der Lügenspeise, die
seinerzeit uns nährte.
Es war das mitteilsame Jahrhundert
der zur Mitteilung Unfähigen:
Die Kabel unterm Meer sprachen zuweilen wahr,
aber gerade dann gewann
die Lüge mehr Längen- und
Breitengrade als der Ozean;
in den Fachsprachen gewöhnte man sich an,
die Verstellung zu garnieren,
Drohungen zart anzudeuten,
und die langen Kabelzungen
wanden sich wie Schlangen
um das gewaltige Lügengewühl,
bis wir alle mit in
die Lügenschlacht zogen,
und erst logen wir hastig,
dann zogen wir lügend zum Töten aus
und fanden lügend den Tod.
Wir belogen unsere Freunde
beim Trauern und beim Schweigen,
und unser Gegner belog uns,
den Mund voller Haß.
Es war das kalte Zeitalter des Krieges.
Das ruhige Zeitalter des Hasses.
Von Zeit zu Zeit verbrannte
eine Bombe die Seele Vietnams.
Und Gott hockte in seinem Versteck
und lauerte wie eine Spinne
den arglosen Hinterwäldlern auf,
die mit schläfriger Leidenschaft
sich dem Ehebruch hingaben.
# # #
Es blüht dieser Wintertag
mit einer einzigen gelben Rose,
die Nacht rüstet ihr Schiff,
Blütenblätter fallen vom Himmel,
und ziellos flüchtet sich das Leben
wieder einmal in den Kelch.
Anders kann ich es nicht sagen
als: schwarze Nacht, roter Tag,
und die Jahreszeiten empfange ich
mit der Höflichkeit des Dichters,
pünktlich erwarte ich die Ankunft
der gesprächigen Schwalben,
und stählern halte ich Wache
vor den Toren des Herbstes.
Darum erschreckt der plötzliche
Winter mich mit seinem Einfall
wie matter Rauch, der aufsteigt
vom Gedenken an eine Schlacht;
nicht das Wort erdulden ist es,
nicht Warnung auch, nicht Unglück,
wie Rauschen ist es im Urwald,
wie ein Trommeln im Regen.
Fest steht, mein Thema wechselt
Mit der Färbung des Morgens.
# III #
Wenn ihr wißt, wie man´s anstellt,
sagt mir´s oder sagt mir´s lieber nicht,
habe ich doch, wenn auch spät, begriffen,
daß ich´s nicht weiß und nie wissen werde,
und da ich´s so gründlich nicht wußte
und mein Unwissen überlebte,
glaubtet ihr, daß ich´s wüßte.
Ich dachte, ihr seid Lügner,
doch nachdem ich gelitten,
wurde eure Lüge für mich wahr.
(Was muß man tun, um zu wissen?
Um nicht zu wissen, was tun?
Und die weisen Männer der Lüge,
sprechen sie noch immer wahr?)
# VI #
Verzeih, ich will mein Leben
erzählen und
erzähle Erde statt dessen.
Dies ist die Erde.
Sie wird groß in deinem Blut,
und du wirst größer.
Wenn sie in deinem Blut erkaltet,
erkaltest du.
# # #
Vergänglich sind wir, berühren Metalle,
den Wind, des Ozeans Ufer, die Steine,
wissend, daß sie dauern, starr oder brennend,
und ich hab alle Dinge entdeckt und benannt:
Lieben und Abschied nehmen war mein Los.
# # #
Auf bald, Gast.
Und auf Wiedersehen.
Zu meinem Gedicht kam´s
deinet-, niemandswegen,
allerwegen.
Ich bitte dich: Laß mich in Unruhe.
Ich lebe mit dem spröden Ozean,
und hart wird mir die Stille.
In jeder Welle sterb ich jeden Tag.
Sterbe mit jedem Tag in jeder Welle.
Nie aber stirbt
der Tag.
Er stirbt nicht.
Und die Welle!
Sie stirbt nicht.
Danke.
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