Ich muß euch etwas erzählen, das ich neulich erlebt habe. Es war im Winter. Nicht im tiefsten Winter, wenn der Schnee hoch liegt sondern in den letzten Wintertagen.
Wir alle warteten darauf, daß der Frühling nun endlich kommen würde. Nach so vielen Winterwochen hat man einfach die Nase voll von all dem Schnee und der Kälte. Und ich hatte auch keine Lust mehr, jeden Morgen die Auffahrt zum Haus freizuschaufeln.
Ich beklagte mich darüber bei meiner Mutter: "Wozu soll ich ständig schaufeln und schippen, wenn morgen doch wieder alles zugeschneit ist?"
Aber meine Mutter wollte mich einfach nicht verstehen. Sie sagte: "Damit wir heute aus dem Haus kommen. Und damit du in die Schule gehen kannst."
Ich seufzte. Meine Mutter begriff nicht, daß ein Junge von etwa neun Jahren, auch über den Schnee hinweg stapfen konnte. Meinetwegen auch in die Schule.
Meine Oma wohnt mit uns im Haus. Sie ist schon sehr alt, und ihr ist es egal, ob die Auffahrt frei von Schnee ist. Nicht weil sie auch so gerne über den Schnee wegstapft wie ich. Nein, denn sie stapft gar nicht mehr, weil sie Schmerzen in den Beinen hat. Sie sitzt immer im Haus, meistens am Fenster. Und meine Oma war es, die mir das erste Mal von den Eiswichteln erzählte.
"Eiswichtel", sagte sie, "das sind kleine Männlein, die plötzlich auftauchen, wenn es so richtig kalt ist. Wenn die ersten Eiszapfen an den Regenrinnen hängen, dann kannst du dir sicher sein, daß die Eiswichtel auch schon da sind."
Als ich noch klein war, saß ich mit meiner Oma oft am Fenster und wartete auf die Eiswichtel. Aber nicht ein einziger kleiner ließ sich blicken. In diesem Winter glaubte ich nicht mehr so ganz an die Eiswichtel. Deshalb fragte ich meine Oma: "Hast du schon mal einen gesehen?" Meine Oma schlug sich auf die kranken Knie und lachte: "Einen? Nee, sieben Stück hab ich in meinem Leben gesehen. Früher gab es viel mehr als heute."
"Und wie sehen sie aus?" fragte ich weiter.
Da überlegte meine Oma einen Augenblick und sagte: "Tja, wie soll man das beschreiben? Eigentlich sehen sie aus wie Eiszapfen. Nur daß es eben keine Zapfen sind sondern kleine Männlein. Und sie stehen einfach so in der Landschaft herum."
Es war also in den letzten Wintertagen, als ich hinterm Haus auf einem Schneehaufen hockte und über die Eiswichtel nachdachte. Konnte es wirklich sein, daß es sie gab? Gerade an diesem Tag hatte ich auch meine Mutter danach gefragt. Sie hatte geantwortet: "Nein, Eiswichtel gibt es nicht. Das ist nur eine dieser Geschichten, die alte Menschen eben manchmal erzählen."
Da saß ich auf dem Schneehaufen und all das ging mir im Kopf herum. Es fing an zu schneien, und die Luft war richtig frostig. Gerade eben hatte ich beschlossen, meiner Mutter zu glauben, als plötzlich unter dem alten Apfelbaum ein Männlein aus Eis stand. Einfach so, mit einmal war es da. Ich erschrak fürchterlich und hatte angst. Bis ich begriff: Das ist ein Eiswichtel. Ein leibhaftiger, echter Eiswichtel!
Und dann freute ich mich ungeheuer, das könnt ihr mir glauben! Eiswichtel sind keine Geschichten, die alte Menschen eben manchmal erzählen.
Ich bestaunte den Wichtel eine gute Weile. Er war nicht einmal so groß wie mein Arm. Und beinahe durchsichtig. Nur an einigen Stellen war das Eis milchig angelaufen und hatte Sprünge.
Ich beschloß, den Eiswichtel anzusprechen. Eine Unterredung mit solch einem Wesen war bestimmt etwas Feines. Vorsichtig ging ich auf ihn zu. Er blickte mir freundlich entgegen.
Ich kniete mich vor ihm hin und begrüßte ihn: "Hallo, Eiswichtel, endlich sehe ich mal einen von euch. Ich warte schon sehr lange darauf."
Der Eiswichtel nickte eifrig mit dem Kopf, daß es klirrte: "Hallo, Hallo. Ich heiße Opa Snö."
Da mußte ich schrecklich lachen. Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich wieder beruhigt hatte: "Du willst ein Opa sein? Du bist ja viel kleiner als ich."
Der Eiswichtel grinste und schien gar nicht böse zu sein. Er sagte: "Wir werden nicht so groß wie Menschen und auch nicht so alt."
"Wie alt werdet ihr denn?" fragte ich.
"Hmm", sagte Opa Snö, "das ist verschieden. Manche werden alt und manche eben nicht. Also, ich bin jetzt drei Monate alt und das ist schon recht beachtlich."
Da mußte ich wieder kichern: "Nur drei Monate und du bist schon Opa? Meine Oma ist 68 Jahre alt."
Opa Snö kratzte sich am Kopf, und ganz deutlich hörte ich, wie es knirschte. Dann murmelte er: "Wie gesagt, bei Menschen ist es was anderes."
Ich hatte angst, daß ich Opa Snö vielleicht doch ein wenig gekränkt hatte, aber als er weiter sprach: "Schön habt ihr es hier", da merkte ich, daß er noch ebenso herzlich wie zu anfangs war.
"Ja", sagte ich erleichtert, "besonders im Sommer, wenn der Apfelbaum blüht."
Opa Snö sagte einfach: "Ich kenne den Sommer nicht."
Ich schluckte, denn Opa Snö tat mir ungeheuer leid. Nie zu erleben, wie alle Blumen blühen und die Büsche und Bäume hellgrün belaubt sind, und die Sonne auf die Erde strahlt, daß man am ganzen Leib spürt, daß es Sommer ist, mußte traurig sein. Aber komisch, Opa Snö wirkte gar nicht betrübt.
Weil wir im Moment nichts zu sagen hatten, schlenderten wir gemeinsam über die schneebedeckte Wiese. Da sah ich in weiter Ferne noch einen Eiswichtel stehen.
Ich zeigte auf ihn und sagte: "Schau mal, dahinten!"
Opa Snö grüßte den Wichtel aus der Entfernung. Der Eiswichtel winkte zurück.
Wir schlenderten noch ein bißchen weiter, bevor ich fragte: "Was macht ihr eigentlich den ganzen Winter über?" Dabei setzte ich mich wieder vor Opa Snö in den Schnee.
"Wir warten auf das Frühjahr", antwortete er.
Jetzt war ich aber wirklich verblüfft, denn im Frühjahr schmolz doch alles Eis und Schnee weg. Und die Eiswichtel mußten sterben. Wie konnte Opa Snö so ruhig darüber sprechen?
Er lachte klirrend: "Ich weiß, was du denkst. Hihi, ich weiß es genau."
"Ich möchte nicht, daß du stirbst", sagte ich beklommen. Auch wenn es dir selbst egal ist, dachte ich weiter. Aber das konnte Opa Snö ja nun schlecht hören.
Er hatte aufgehört zu lachen und bohrte mir seinen eisigen Zeigefinger in die Magengrube: "Wann wollt ihr Menschen endlich begreifen, daß es nicht schlimm ist?" Er bohrte fester, so daß es ein wenig weh tat: "Wann wollt ihr verstehen, daß es schön ist?"
Er nahm seinen Finger aus meiner Magengrube, und ich stotterte: "Daß sterben schön ist?"
"Nicht unbedingt schön, aber auch nicht gerade schlimm," sagte Opa Snö. Und dann erklärte er mir, wie das mit dem Sterben ist: "Wenn Tauwetter kommt, dann schmelzen wir ganz langsam und werden zu Wasser. Es ist nicht unangenehm, eher so als würde dich jemand kitzeln. Ja, wie ein Kitzeln von innen her. Alle Eiswichtel schmelzen, und wir fließen zusammen zu einem kleinen Fluß. Und dann wird es lustig. Wir rauschen die Berge hinab immer schneller und schneller. Hui, was für eine herrliche Rutschpartie ist das! Und wir strömen über das Land, bis wir unser Ziel erreicht haben: Das Meer. Das weite offene Meer. Dort ist es schön, glaub mir. Wunderschön!"
Oh, wie herrlich das klang und wie sehr ich mir wünschte, ein Eiswichtel zu sein. "Aber woher weißt du, wie es ist? Du lebst doch noch!"
Opa Snö sagte verschmitzt: "Ich weiß es, weil ich schon oft gestorben bin. Das werde ich auch dieses Jahr tun, und ich freue mich darauf. Das Leben wird manchmal schwer, wenn man so alt ist wie ich. Aber im nächsten Winter, wenn es friert, bin ich wieder da. Dann bin ich jung und vieles ist leichter."
Ich jubelte laut: "Hurra, dann können wir uns im nächsten Winter wieder sehen!"
Opa Snö nickte eifrig. "Ja, ja, das können wir. Aber gib gut acht, denn ich werde anders aussehen."
Ich dachte nach, sogar sehr angestrengt. Wie sollte ich Opa Snö bloß erkennen, wenn er nicht mehr aussah wie Opa Snö?
Doch der sagte bestimmt: "Du wirst mich an meinem Wesen erkennen, denn das ändert sich nicht."
"Das schaffe ich leicht", sagte ich zuversichtlich. "Und im nächsten Winter können wir Schneeburgen bauen und miteinander spielen. Denn dann bist du ja nicht älter als ich."
Opa Snö hob verwundert die schneeweißen Augenbrauen. "Das können wir doch jetzt schon machen. Alte Leute spielen auch noch gerne!"
Und dann spielten wir. Wir bauten Schneeburgen und machten Schneeballschlachten. Gemeinsam errichteten wir einen riesigen Schneemann, der sich auf einen Stock stützte. Ein alter glücklicher Schneemann!
Als es dunkel wurde und ich schon ungeheuer durchgefroren war, verabschiedeten wir uns voneinander. Wir verabredeten uns für den nächsten Winter, genau an dem Tag, an dem es das erste Mal frieren würde.
Dann ging ich ins Haus und setzte mich zu meiner Oma ans Fenster.
Sie sagte versonnen: "Heute habe ich meinen achten Eiswichtel gesehen."
"Und ich meinen ersten," rief ich. Meine Oma freute sich so sehr für mich, daß ihr Tränen in die Augen stiegen.
Aber später am abend klagte sie, weil sie furchtbare Schmerzen in den Beinen hatte: "Es wird immer schlimmer. Bald kann ich nicht einmal mehr sitzen. Wie soll das bloß werden mit mir?"
Da faßte ich nach ihrer Hand und hielt sie fest. Ich erzählte ihr von Opa Snö. Einfach alles, was er zu mir gesagt hatte. "Begreifst du nun, daß es nicht schlimm ist?" fragte ich schließlich.
Meine Oma nickte und lächelte: "Ja, es ist wie ein Kitzeln von innen her."
Am nächsten Tag setzte Tauwetter ein, und der Frühling kündete sich an. Ich freute mich auf den Sommer, aber noch viel viel mehr freue ich mich auf den kommenden Winter. Das könnt ihr mir glauben!
((c) zora)