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Der Zitronenjunge und das Orangenmädchen

"Ich fürchte mich im Dunkeln", sagte Annika. Es war Abend, sie lag im Bett und sollte schlafen.
Annikas Mutter saß neben ihr auf der Bettkante und versuchte sie zu beruhigen: "Nein, das brauchst du aber wirklich nicht. Ich bin doch im Haus und passe auf, daß dir nichts geschieht!"
Annika schaute an ihrer Mutter vorbei zum Fenster hinaus. Hinter den hohen Tannen war die Sonne schon verschwunden, und die Bäume warfen lange, dunkle Schatten über die Wiese. Es sah unheimlich aus. Und im Zimmer war es jetzt auch schon sehr düster.
Annika fragte ängstlich: "Aber wo ist die Sonne, wenn sie nicht mehr am Himmel steht? Wo geht sie hin?"
Ihre Mutter strich die Bettdecke glatt und antwortete: "Die Sonne wandert um die Welt. Wenn bei uns Nacht ist, dann steht sie woanders am Himmel. Nur so weit weg, daß wir sie nicht sehen können."
Das beunruhigte Annika noch mehr: "Und wenn es ihr woanders besser gefällt als bei uns? Dann bleibt sie vielleicht dort und kommt nie mehr zurück!?"
"Der Sonne gefällt es überall", sagte ihre Mutter bestimmt. "Hauptsache sie kann scheinen!" Dann beugte sie sich zu Annika herunter und gab ihr einen Gutenachtkuß auf die Stirn. Wie jeden Abend. "So, und jetzt wird geschlafen... es ist schon spät."
Sie verließ Annikas Zimmer und zog die Tür leise hinter sich zu.
Nun war Annika alleine und fürchtete sich. An einschlafen war gar nicht zu denken. Sie drehte sich eine Weile im Bett umher, dann gab sie auf und schaute mit hellwachen Augen wieder zum Fenster hinaus.
Draußen war es mittlerweile stockdunkel und beängstigend still geworden. Nur der Mond war noch nicht aufgegangen. "Oder ist hinter Wolken versteckt", dachte Annika. Sie wollte auf ihn warten. Im Mondlicht ließ die Angst bestimmt nach. Im Mondlicht würde sie sich vielleicht trauen, die Augen zu schließen. Also wartete sie. Und wartete, während die Wanduhr unermüdlich die Minuten wegtickte. Und wartete immer noch, als sie hörte, wie ihre Eltern zu Bett gingen.
Aber der Mond zeigte sich nicht, und Annika bekam es mehr und mehr mit der Angst zu tun. Die Dunkelheit kam ihr wie eine schwarze Mauer vor, die sich immer enger um sie schloß. Annika war nahe daran, das Deckenlicht einzuschalten, als es plötzlich – vor ihrem Bettende blendend hell wurde! Die Lichtsäule tauchte so unerwartet auf und leuchtete so strahlend, daß Annika mit den Augen blinzeln musste. Eine so klare und wärmende Helligkeit hatte sie noch nie zuvor gesehen. Es war noch schöner als an irgendeinem herrlichen Sonnentag mitten im Juli. So traumhaft, daß Annika gar keine Angst vor dieser sonderbaren Erscheinung hatte. Denn wieso sollte man sich vor etwas so ungeheuer Schönem fürchten?
Gebannt blickte Annika zu ihrem Bettende und beobachtete staunend, wie sich aus dem Lichtkegel ganz langsam eine menschliche Gestalt formte und immer deutlicher zu erkennen war. Tatsächlich! Vor ihr stand ein Junge, nicht viel älter als sie selbst! Und aus seinem ganzen Körper heraus leuchtete und glänzte es, als sei sein Inneres erfüllt von Sonnenschein, der nach außen abstrahlte!
Annika bestaunte den leuchtenden Jungen mit offenem Mund. Er sah nett aus. Ungewöhnlich aber nett. Und prompt grinste er übers ganze Gesicht und fragte augenzwinkernd: "Hast du jetzt immer noch Angst?"
Annika richtete sich im Bett auf und antwortete lächelnd: "Nein, wieso sollte ich auch? Jetzt ist es ja hell!"
Der Junge ging um das Bett herum und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Auf genau dieselbe Stelle, wo ihre Mutter am früheren Abend auch gesessen hatte.
"Weißt du, wer ich bin?" fragte er.
Annika schüttelte den Kopf.
"Kannst du es dir wirklich nicht denken?"
Wieder schüttelte Annika den Kopf. Noch nie zuvor hatte sie einen leuchtenden Jungen gesehen. Und noch nie zuvor hatte sie von einem leuchtenden Jungen erzählen hören.
"Ich bin der Zitronenjunge", sagte er stolz und warf sich eine Hand an die Brust.
Damit konnte Annika nun überhaupt nichts anfangen. "Was ist ein Zitronenjunge?" fragte sie neugierig.
"Ich bin ein Zitronenjunge", erwiderte er noch stolzer und strich sich das goldgelbe Haar aus der Stirn. Dann fuhr er fort: "An jedem Morgen pflücke ich eine Zitrone in meinem immerhellen Garten und werfe sie über die linke Schulter hoch in die Luft. So hoch, bis sie am Himmel steht. Dort scheint sie dann den ganzen lieben langen Tag. Sie glänzt und strahlt und gibt Licht. Und an jedem Abend fällt sie in meinen Garten zurück. Dort sammle ich sie ein und esse sie, so daß sie in mir weiter scheint. Dann pflücke ich wieder ein Zitrone und werfe sie diesmal über meine rechte Schulter in die Luft. Damit sie auf der anderen Seite der Welt den ganzen Tag lang leuchten kann. Und wenn sie in meinen Garten zurückfällt, dann esse ich auch sie und werfe die nächste hoch... denn dann ist hier der Morgen schon wieder gekommen."
Annika rief erstaunt: "Du ißt jeden Abend die Sonne auf?"
"Ja", nickte er eifrig, "ja, weil ich der Zitronenjunge bin!"
Annika schlüpfte aus ihrem Bett, lief zum Fenster und schaute in die dunkle Nacht. Dann drehte sie sich entschlossen zum Zitronenjungen um und bettelte: "Laß die Sonne doch einfach am Himmel stehen! Bitte! Denn dann müsste ich nie wieder Angst haben!"
Der Zitronenjunge stand auf und stellte sich zu Annika ans Fenster. Versonnen schaute nun auch er in die Nacht hinaus und sprach: "Jede Zitrone hat nur Kraft für einen einzigen Tag. Und außerdem muß ich schließlich auch von etwas leben. Ohne Zitronen erblasse ich und sterbe."
"Das will ich natürlich nicht. Aber kannst du dann nicht mir zuliebe, kaum ist die eine gefallen, gleich eine neue Zitrone hinterher werfen? Das ginge ja auch und reichte mir schon!"
"Ginge nicht", sagte der Zitronenjunge bestimmt. "So schnell reifen die Zitronen nicht! So viele habe ich nicht zur Verfügung. Das Spiel mit dem Licht erfordert viel Geduld."
Annika seufzte laut. Für sie hieß das, weiterhin allabendlich der Dunkelheit und ihrer Angst begegnen zu müssen.
"Sei nicht traurig", sagte da der Zitronenjunge leise aber eindringlich. "Ich zeige dir dafür etwas so Schönes, das du nie mehr vergessen wirst und dir alle Angst für immer nimmt."
"Und was soll das sein?" fragte Annika zweifelnd.
"Ich zeige dir den immerhellen Garten. Da wo die Zitronen wachsen und die Sonne reift", flüsterte der Zitronenjunge ganz nah an ihrem Ohr. Dann fasste er Annika bei der Hand und kletterte mit ihr einfach zum Fenster hinaus.
Vom Fensterbrett bahnte sich ein dünnes weißes Wolkenband wie ein schmaler Pfad geradewegs in den Himmel. Dem folgten sie, erklommen einen riesigen Wolkenberg, der sie in schwindelnde Höhen entführte. Der Aufstieg wollte und wollte nicht enden, und erst als Annika schon völlig aus der Puste war, hatten sie endlich den Gipfel erreicht.
Unter Annika breitete sich ein mattweißer Wolkenteppich aus, neben ihr schimmerte der Zitronenjunge seidengelb. Sonst war nur dunkle Nacht zu sehen.
Sie schritten auf der anderen Wolkenbergseite hinab. Es war ein langer schweigender Marsch wie auf Watte und wie in einem Traum. Aber schließlich tat sich in der Senke wie aus dem Nichts ein großes einladendes Wolkentor auf.
Der Zitronenjunge öffnete mit weiter Geste die hohe Pforte, und mit einmal stand Annika im gleißenden Sonnenlicht. Sie war fast geblendet von der plötzlichen Flut, die sich über sie ergoß. Aber dann schritten sie gemeinsam durch das Tor, und Annika war im immerhellen Garten, in der Wiege der Sonne. Und was sie da sah, war tatsächlich das Schönste, das ihr je unter gekommen war!
Vor ihr lag eine Wiese, so saftig und wogend und tiefgrün, als sei sie das weite Meer. Blumen in allen Farben leuchteten wie kleine bunte Schiffe darin, Schmetterlinge in allen Größen und allen erdenklichen Mustern flatterten über der Blütenpracht, da lag ein Bienensummen und Vogelzwitschern in der Luft, als sei heute ein ganz besonderer Jubeltag. Kugelrunde Bäume gaben kleine lindgrüne Schattenoasen, ein Bach plätscherte von irgendwoher, und hier und da zeichneten sich kleine Zitronenhaine ab. Unverkennbar an ihrer leuchtendgelben Frucht. Aber Orangenbäume gab es nicht minder. Annika sah die Orangen wie schwere Weihnachtskugeln in manch einem Baum hängen.
Sie schaute und staunte und fühlte, wie sich der reine Frieden des immerhellen Gartens auch in ihr ausbreitete und sich als warmer schützender Mantel um ihre ganzes Wesen legte. Sie atmete die Ruhe und die Wärme. Und saugte die Schönheit in sich auf. Nie dürfte sie diesen Anblick vergessen!
"Na", sagte der Zitronenjunge schräg grinsend, "habe ich dir zuviel versprochen?"
Aber noch bevor Annika antworten konnte, kam einen Mädchen eilends über die sonnendurchflutete Wiese auf sie zugelaufen. Genau wie der Zitronenjunge strahlte es von innen heraus. Nur war das Licht, das sie umströmte, nicht gelb sondern leuchtend orange.
Als es bei ihnen angelangt war, umarmte es den Zitronenjungen stürmisch und rief laut aus: "Ach, daß du endlich wieder da bist, Bruder mein."
Der Zitronenjunge lachte breit über beide Backen und sagte: "Ja, und ich komme nicht alleine. Ich habe dir Annika mitgebracht."
Das Mädchen schaute sie strahlend an: "Willkommen im immerhellen Garten. Ich bin das Orangenmädchen!"
Annika stutzte: "Ich dachte, es gibt hier nur den Zitronenjungen, der sich ganz alleine um die Sonne kümmert?"
"Ja", erwiderte das Orangenmädchen, "das stimmt schon! Aber um den Mond muß sich ja schließlich auch jemand kümmern! Und das tue ich!"
"So, so, tust du das denn auch wirklich?!" hörte Annika den Zitronenjungen leise necken. Woraufhin das Orangenmädchen Annika hastig mit einem Arm unterhakte, ihren Bruder zur anderen Seite nahm, und mit ihnen geradewegs ins schönste Wiesengrün spazierte. Und während sie so zu dritt daher schlenderten, erfuhr Annika, was es mit dem Orangenmädchen auf sich hatte.
"An jedem Abend pflücke ich eine Orange in unserem immerhellen Garten und werfe sie über die linke Schulter hoch in die Luft. So hoch, bis sie am Himmel steht. Dort scheint sie dann die ganze liebe lange Nacht. Sie glänzt und strahlt und gibt Licht. Und an jedem Morgen fällt sie in meinen Garten zurück. Dort sammle ich sie ein und esse sie, so daß sie in mir weiter scheint. Dann pflücke ich wieder ein Orange und werfe sie diesmal über meine rechte Schulter in die Luft. Damit sie auf der anderen Seite der Welt die ganze Nacht lang leuchten kann. Und wenn sie in meinen Garten zurückfällt, dann esse ich auch sie und werfe die nächste hoch... denn dann ist hier der Abend schon wieder gekommen."
"So wie der Zitronenjunge die Sonne ißt, so ißt du den Mond?" fragte Annika staunend.
Das Orangenmädchen nickte.
Und nachdem Annika eine kleine Weile über all das nachgedacht und es verstanden hatte, da begann es in ihr zu prickeln, als krabbelten ganz viele aufgeregte Ameisen durch ihre Adern. Es prickelte so sehr und so herrlich, daß sie plötzlich wie von Wespen gestochen losrennen mußte und das Gras nur so an ihr vorbei flog! Annika tanzte johlend um die Bäume und ließ sich schließlich mitten in die bunte Wiese purzeln.
"Jetzt brauche ich nie wieder Angst vor der Nacht zu haben", jubelte sie. "Denn deine Orangen aus dem immerhellen Garten sind so schön, so schön. Und wer hat schon vor etwas Schönem angst? Wenn ich also fortan den Mond am dunklen Himmel sehe, dann denke ich an dich und all das hier, und es gibt nichts mehr zum Fürchten!"
"Genau deshalb habe ich dich hierher geführt", schmunzelte der Zitronenjunge. "Um dir meine Schwester zu zeigen und die Schönheit dieses Gartens und der Orangen! Du sollst keine Angst vor der Nacht haben, denn auch sie ist ein Teil des immerhellen Gartens!"
Annika lauschte seinen Worten und begriff. Nur eines machte ihr noch Sorgen: "Aber warum, Orangenmädchen, warum ist heute Abend keine Orange von dir am Himmel erschienen? So lange habe ich vergebens auf den Mond gewartet!"
Das Orangenmädchen lief flammend rot an. Ihr Licht flackerte ein wenig, und sie betrachtete ihre Zehenspitzen, als gäbe es gerade jetzt nichts interessanteres auf dieser Welt.
"Na, warum?!" fragte ihr Bruder augenzwinkernd.
Zerknirscht erklärte das Orangenmädchen: "Es war so: Ich habe Blumen gepflückt und bin Schmetterlingen hinterher gelaufen, und davon wurde ich so schrecklich müde, daß ich mich nur für einen kurzen Moment am Bach ausruhen wollte. Aber das Mooskissen, auf das ich mich setzte, war so weich und bequem, daß ich kurz eingenickt sein muß. Wirklich nur einen Wimpernschlag lang, aber als ich aufwachte, hatte ich den Anbruch des Abends schon verschlafen, und es war zu spät, um die Orange noch zu werfen."
Annika nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Ja, sie verschlief morgens auch manchmal und kam dann zu spät in die Schule. Das ließ sich einfach nicht immer vermeiden. Das kannte sie nur zu gut!
Das Orangenmädchen lachte erleichtert auf und strahlte Annika an: "Aber so was passiert mir wirklich nur ganz selten!"
"Immerhin noch öfter als mir", neckte ihr Bruder.
"Klar, du mußt ja auch mehr aufpassen als ich! Denn wenn die Sonne fehlt, dann fällt das allen immer gleich auf. Aber nachts schlafen die meisten Menschen zum Glück!"
"Tun sie – zu deinem Glück!" rief der Zitronenjunge. Und dann lief er ganz schnell weg, um den Knüffen seiner Schwester zu entkommen. Aber das Orangenmädchen sprang geschwind hinterher, und auch Annika wetzte los. Sie holten ihn bald ein und warfen sich auf ihn. Die drei tollten wie die jungen Hunde im hohen Gras herum und lachten, was das Zeug hielt.
Aber irgendwann erhob sich der Zitronenjunge und sagte zu Annika: "Komm, ich muß dich nach Hause bringen, denn die Nacht ist bald vorüber! Ich muß eine frische Zitrone pflücken und sie hoch an den Himmel werfen. Damit du heute Sonnenschein hast", lächelte er.
Annika war traurig, daß die Nacht so schnell vergangen war. Von ihr aus brauchte die Sonne auf der Erde gar nicht mehr aufzugehen, wenn sie nur hier im immerhellen Garten bleiben dürfte. "Darf ich denn wiederkommen, irgendwann einmal?" fragte sie zaghaft.
Wie im Chor riefen der Zitronenjunge und das Orangenmädchen: "Aber natürlich darfst du das! Vielleicht ja schon morgen Abend!"
Annika spürte wilde Vorfreude in sich aufsteigen, verabschiedete sich überschwänglich vom Orangenmädchen an der Pforte des immerhellen Gartens, und viel später, nachdem sie wieder über den hohen Wolkenberg zurück gewandert waren, vom Zitronenjungen an ihrem Zimmerfenster. Von dort aus sah sie zu, wie sein Leuchtkörper langsam in der Dunkelheit verschwand.

"Ich fürchte mich nicht im Dunkeln", sagte Annika.
Es war wieder Abend, sie lag im Bett und sollte schlafen.
Ihre Mutter saß wie gestern neben ihr auf der Bettkante. Überrascht schaute sie Annika an und fragte verwundert: "Das ist gut, aber wie kommt es plötzlich dazu?"
"Ja, also", sagte Annika gedehnt, "weil auch die Nacht ein Teil des immerhellen Gartens ist und weil die Orangen so schön sind und ich nicht alleine bin."
Dann gähnte sie, schloß die Augen und schlief sofort ein.



((c) zora o4 (altes gerüst, neu überarbeitet))

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